Gesundheitspost

Ausgabe: Jubiläumsausgabe

100 Jahre MARIENAPOTHEKE

Für unsere MarienApotheke, deren Eingang eine Kirche ziert, ist das Jahr 1907 wie die Grundsteinlegung einer Kirche: Am Sonntag, den 28. April 1907 wurde das Konzessionsansuchen des Apothekers Ph.Mr. Karl Mohr für den Standort Ecke Rückertgasse/Seeböckgasse von der k.k. niederösterreichischen Statthalterei kundgemacht.

An diesem Tag gab es 57 (!) solcher Gesuche für neu zu errichtende Apotheken in Wien. Der Grund dafür lag in dem brandneuen Apothekengesetz vom Dezember 1906, dessen Inkrafttreten von allen 57 Antragstellern abgewartet werden musste.
Die Herrschaften, die damals um neue Apothekenkonzessionen ansuchten, mussten allesamt schon reiferen Alters gewesen sein, da man vor 100 Jahren noch 25 Jahre Berufspraxis vorweisen musste, um eine Apotheke eröffnen zu können.
Diese zahlreichen Gesuche und das neue Einspruchsrecht der Nachbarapotheker forderten allem Anschein nach die österreichische Bürokratie aufs Äußerste, da erst 1908, also im Folgejahr, die ersten Konzessionen vergeben wurden.

Österreich und die Welt 1907:

941 der heute noch lebenden Österreicher sind damals schon geboren!
Der damals 77 Jahre alte Kaiser Franz Josef ist seit 9 Jahren verwitwet.
Aus den ersten allgemeinen und gleichen Wahlen zum Reichsrat (für Männer) gehen die Sozialdemokraten als zweitstärkste Kraft hervor. Finnland ist das erste europäische Land, in dem Frauen wählen und gewählt werden können, in Österreich wird das erst 1919 der Fall sein.

Erst seit zwei Jahren darf die erste Frau in Österreich Pharmazie studieren.
Gustav Mahler verlässt Österreich und geht nach Amerika.
Es ist das Geburtsjahr des langjährigen Polizeipräsidenten Josef Holaubek
und der Kammerschauspielerinnen Käthe Gold und Paula Wessely.
Auf dem Bödele bei Dornbirn in Vorarlberg wird der erste Schlepplift errichtet.
Die ersten Postbusse fahren auf den Strecken Linz-Eferding, Helenental und in den Dolomiten.
Die Mariazellerbahn wird in Betrieb genommen.
Albert Einstein begründet die Relativitätstheorie und bei Heidelberg werden Reste des Neandertalers gefunden. In Frankreich erfinden die Brüder Lumière die Farbfotografie. Zarah Leander und Astrid Lindgren werden geboren.

Wien und Ottakring 1907:

In Wien leitet Bürgermeister Dr. Karl Lueger seit 10 Jahren die Geschicke der Stadt.
Der Bau der II.Wiener Hochquellwasserleitung beginnt.
126 Apotheken (heute 299) versorgen schon fast 2 Mio. Einwohner und Wien ist somit die viertgrößte
Stadt Europas (nach London, Paris und Berlin)
Die Nervenheilanstalt am Steinhof wird eröffnet.
Bereits 1891 wurden die bisherigen Vororte Ottakring und Neulerchenfeld (die dazumal rivalisierenden
Nachbarn) mit dem „Puffer“ Neu-Ottakring zum XVI. Wiener Gemeindebezirk zusammengelegt.
Die Einwohnerzahl klettert von 148.652 (1900) auf 177.687 (1910). Heute leben in unserem Bezirk 86.129 Menschen.
Der J-Wagen wird von 1907 bis heute Ottakring
mit der Wr. Innenstadt verbinden.
Straßenkanäle in der Sandleiten-, Franz Peyerl-
und Seeböckgasse werden hergestellt und münden in den Roterdbach, der in diesem Jahr eingewölbt wird.
Am Johann Nepomuk Berger Platz werden zwei Gartenanlagen um 28.680 Kronen hergestellt
und die öffentliche Bedürfnisanstalt – die heute noch besteht – ebendort errichtet.

In Ottakring werden in der einen Woche vom 28.April bis 4.Mai 1907 allein 30 Fälle von Masern angezeigt.
In diesem Jahr werden pharmazeutische Spezialitäten mit klingenden Namen wie BLUTAN®, ASPEREN®, KURIN®, ASTHMOL® von der Gesundheitsbehörde bewilligt, beanstandet wird die “marktschreierische Reklame der BABYMIRA-Creme sowie mehrere Heilmittel des Apothekers Brodjovin in Agram“.
Seit 11 Jahren wird auf der Schmelz und in der angrenzenden Radetzkykaserne exerziert.
Das Schloß Wilhelminenberg wird in den Jahren 1903-1908 neu errichtet.

Wohnen, arbeiten und lernen 1907:

Die Industrialisierung im Laufe des 19.Jhdts hatte die ländlichen Wohngebiete außerhalb des Linienwalls
(heute: außerhalb des Gürtels) zu Arbeiterwohnvierteln gemacht . Dem Bedarf an Wohnraum folgen Untermieten, die Errichtung von Wohnhäusern mit einem hohen Anteil an Substandardwohnungen und Bettgehern.

Für eine Zimmer-Küche-Kabinettwohnung zahlt man in Ottakring ab 350 Kronen, Zimmer-Küche kosten 200 Kronen (Preis von 1914) pro Jahr. Der Monatslohn eines Arbeiters beträgt 72 Kronen bei einer Wochenarbeitszeit von ca. 60 Stunden, Sonntagsruhe und bezahlter Urlaub sind noch Utopie. Es wohnen durchschnittlich 60 Menschen in einem Wohnhaus.

Die alte Weinbaukultur in Ottakring wurde durch die Einschleppung der amerikanischen Reblaus 1872 in katastrophalem Ausmaß getroffen, Winzer mussten zum Teil ihre Weingärten aufgeben.

Der Linienwall ist zugleich soziale Grenze infolge eines Gesetzes, demzufolge Lebensmittel und andere Güter des täglichen Lebens in der Innenstadt höher besteuert sind. Für 1kg Mehl zahlt man daher in Wien zwischen 22 und 36 Heller (Preis von 1907)

Auch Fabriken werden in der Vorstadt angesiedelt, der Zuzug von Arbeitern aus anderen Teilen der Donaumonarchie folgt rasch. In Ottakring lebt die zweitstärkste tschechische Minderheit Wiens (nach Favoriten).

Die Fa. Meinl (gegründet 1862) ruft1907 eine firmeneigene Fortbildungsschule, die „Akademie für Lehrlinge und Praktikanten“, ins Leben, im selben Jahr wird die erste Mitarbeiterzeitung herausgegeben, ein firmeneigener Gesangsverein gegründet und als erstes Unternehmen Österreichs führt Meinl die Sonntagsruhe für seine Arbeiter ein.

Die Photoindustrie etabliert sich in unserem Bezirk. Photografische Papiere und Platten werden von den Firmen Herlango und Fa.Prof. Alexander Lainer erzeugt.

Die Ottakringer Brauerei steht seit 1837 in Ottakring, die erste Wiener Zahnradfabrik seit 1900 in der Wattgasse.

Die Tabakregie verlegt die Produktion von der Porzellangasse in die Thaliastraße, im 9. Bezirk verbleibt
nur die Direktion.

Die Maschinenfabrik-AG „Vulkan“ hat ihren Sitz in der Wattgasse 22-32.

Fa. Manner : die Geschichte dieser traditionsreichen Fabrik konnten Sie in unserer Gesundheitspost 2. Ausgabe nachlesen.

Der Bildungsgrad der Bevölkerung verbessert sich enorm:

Waren allein in Ottakring 1890 noch 20.090 Menschen Analphabeten, so werden in ganz Wien 1910 nur mehr 34.030 Menschen gezählt, die weder lesen noch schreiben können.
Ca. 21.000 Schüler mit den überwiegenden Muttersprachen Deutsch, Tschechisch, Ungarisch und den Konfessionen katholisch, evangelisch und mosaisch besuchen in Ottakring städtische Schulen. Die Geburtsorte dieser Schüler sind in Wien, Niederösterreich, Böhmen, Mähren, Ungarn und weiteren Ländern Europas.
Zu den bestehenden Schulen kommt 1907 in der Koppstraße/ Ecke Herbststraße eine Doppel- Volks- und Bürgerschule für Mädchen und Burschen hinzu.
Das 1901 gegründete Volksheim Ottakring wird 1905 zur ersten Abend-Volkshochschule Europas.

Das Arbeiterheim in der Kreitnergasse wird 1907 fertig gestellt und beherbergt einen Theatersaal mit 1500 Plätzen und 40 Wohnungen.

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Der Name unserer Apotheke dürfte zurückgehen auf die 1889 gegründete Marienkirche mit angeschlossenem Kloster (Clemens Hofbauer Platz). Es waren Brüder des Ordens der Redemptoristen, die in dem damals dicht bevölkerten Gebiet, umgeben von „Gstättn“ und schmutzigen Ziegelteichen, ihre seelsorgerische Arbeit mit großem Gottvertrauen aufnahmen. Als der Kaiser von diesem Vorhaben erfuhr, soll er den Provinzial gefragt haben: „Ja, trauen sich die Redemptoristen überhaupt dort hin?“ Die Redemptoristen kommen übrigens ursprünglich aus Italien und ihr Name bedeutet Erlösermissionare.

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© MarienApotheke, Mag. pharm. Monika ALVARADO-DUPUY KG, Rückertgasse 26, 1160 Wien