Ausgabe: Sommer 2004
Vor 95 Jahren war Ottakring erst 17 Jahre ein Teil der Gemeinde Wien.
Aus den beiden ländlichen Dörfern Neulerchenfeld und Ottakring entstand in wenigen Jahrzehnten ein städtischer Bezirk. 1870 hatte Ottakring erst 30.000 EinwohnerInnen, 1880 schon 60.000, 1890 bereits über 100.000, 1900 dann 150.000 und 1910 gar 170.000. Die heutige Bevölkerungszahl beträgt wieder ca. 90.000.
In der Zeit ab 1880 wurde auch das Gebiet rund um die MarienApotheke verbaut.
Der Grund für diese gewaltige Veränderung war die Ansiedelung und der Ausbau vieler Industrie- und Gewerbebetriebe. Zum Teil bestehen sie heute noch, wie die Firmen Meinl, Manner oder Kienast & Holzner.
Ottakring war damals der bevölkerungsreichste Bezirk Wiens und war führend in der Industrie. Ottakring stellte zum Beispiel die meisten Metallarbeiter von allen Bezirken. Die Arbeitsbedingungen waren aber hart. Die BewohnerInnen des Bezirks kamen aus allen Kronländern der Monarchie. Aus Polen, Ungarn, vom Balkan. Jede(r) Zehnte gab bei der Volkszählung 1910 Tschechisch als seine/ihre Umgangssprache an.
Die Wohnverhältnisse in den so schnell aus dem Boden gestampften „Zinskasernen“ waren sehr einfach. Zwei Drittel der Wohnungen, in denen durchschnittlich 4 Personen lebten, hatten nur einen oder zwei Räume (Zimmer-Küche). 10 Prozent der Bewohner waren überhaupt „Bettgeher“, das heißt sie hatten keine eigene Wohnung, sondern nur eine Schlafstelle gemietet.
Auch die gesundheitlichen Verhältnisse waren kritisch. Ottakring wurde erst nach 1881 an die Wr. Hochquellwasserleitung angeschlossen. Und 1914 starben beispielsweise in Ottakring über 600 Menschen an Tuberkulose. Auch Diphtherie, Scharlach oder Keuchhusten kosteten jedes Jahr vielen Kindern das Leben. Für eine Überwindung der Missstände im Arbeitsleben und Sozialwesen kämpfte die in Ottakring starke Arbeiterbewegung. Am Begräbnis des 1913 bei einem Attentat ermordeten Arbeiterführers Franz Schuhmeier (Gedenktafel am Schuhmeierplatz) auf dem Ottakringer Friedhof nahmen 250.000 Trauergäste teil.
Ein Zeichen für den Fortschritt war der Schulneubau Seeböckgasse-Nauseagasse – Odoakergasse in den Jahren 1912/13 für mehr als 1.200 Pflichtschüler.
© MarienApotheke, Mag. pharm. Monika ALVARADO-DUPUY KG, Rückertgasse 26, 1160 Wien