Gesundheitspost

Ausgabe: Frühjahr/Sommer 2010

Zungenschaber und Liköressenzen

Nun ist es fast 45 Jahre her, dass ich meine Lehre als Apothekenhelferin begonnen habe. Meine Lehrstelle war in Amstetten, also am Land sozusagen (damals gab es nur eine Ampel in Amstetten). Auch am Sonntag hatte die Apotheke offen und ich kann mich an die Bauern erinnern, die nach der Kirche in die Apotheke strömten und sich ganz spezielle Teemischungen herstellen ließen. Die Kräuter mussten an ganz bestimmten Tagen zu einer bestimmten Tageszeit geerntet worden sein, um den Vorstellungen über ihre Heilkraft zu genügen.

Die Diskretion hatte bei uns höchste Priorität. Die Medikamente legten wir auf ein Seidenpapier, auf dem wir auch die Posten zusammenzählten. Da sich die Amstettner ja alle untereinander kannten, war das schnelle und damit diskrete Einpacken eine wichtige Aufgabe in der Kundenbetreuung. Besonders schnell musste damals die zu dieser Zeit frisch auf den Markt gekommene, noch kaum akzeptierte Anti-Babypille eingepackt werden. Die Medikamente waren teilweise die gleichen wie heute (Aspirin, Dulcolax...), Generika kannte man zu diesem Zeitpunkt nicht. Was für mich auch anders ist, ist der Geruch. Ich habe meine Stunden im Teekammerl geliebt. Die vielen Düfte! Mein Spezialgebiet neben der Teekammer war die Rezeptabrechnung. Da wurde ich bald "Lesemeisterin" wenn es um besonders schwer lesbare Handschriften von Ärzten ging. Da es natürlich keine Computer gab, weder beim Arzt noch in der Apotheke, wurden die Bestellungen mündlich an den Großhandel weitergegeben.

An Tagen, an denen ich zum Abfüllen der sehr intensiv „duftenden“ Baldriantinktur abkommandiert wurde, hatte ich im Autobus viel Platz. Wenn ich Eisenwein einzufüllen hatte, wurde dieser fallweise auch gekostet. Ich hatte nie Eisenmangel. An manchen Tagen war das Reinigen der Salbenpatenen mit "Sogscharten" also Sägespänen, meine Haupttätigkeit. Die Schmerzmittel waren vielfach Mischpulver. Nach fast 30 Jahren hat man das Falten der Briefchen noch in den Fingern so wie Auto fahren oder Stricken.

Das Sortiment außerhalb der Medikamente war sehr verschieden von heute: Zungenschaber gegen belegte Zunge, Waschmittel, Dicksaft und Mineralwasser sowie Liköressenzen, Formalin zum Stalldesinfizieren, Kondome in 100 Stück Packungen (die ich in meinem ersten Lehrjahr in der Apotheke ausstreute, wodurch ich meine "erste" Aufklärungsstunde damit heraufbeschwor) und vieles mehr.

Ich denke gerne an die Zeit zurück, auch wenn es manchmal schwierig für mich war, mit den 600 Schilling (40 Euro) als Lehrlingsentgelt auszukommen. Die Rezeptgebühr lag damals übrigens bei 2 Schilling (ca. 15 Cent).

Ihre Agnes Pintar

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